Die Einführung von nicht einheimischen Pflanzen in die Natur

Die Ankunft einer „fremden“ Art in einem bestimmten Gebiet, das bis dahin nur von sogenannten einheimischen* Pflanzen besiedelt war, ist eine natürliche Erscheinung, die auf der Fähigkeit von Lebewesen basiert, sich zu verbreiten und neue Gebiete erobern zu können. Derartige Ereignisse sind jedoch umso seltener, je größer die Entfernung zwischen Ursprungsland und neuer Heimat ist und umso mächtiger die Hindernisse sind, die auf dem Weg dorthin überwunden werden müssen. Durch das Eingreifen des Menschen ist diese Regel jedoch schrittweise modifiziert worden: Die Anzahl von Fällen der Einführung „exotischer“ Pflanzen hat im Laufe der Geschichte der Menschheit exponentiell zugenommen.


Einige Etappen sind dabei von besonderer Wichtigkeit und deswegen erwähnenswert:

    - Die Sesshaftwerdung in Verbindung mit der Entwicklung der Landwirtschaft vor ca. 10.000 Jahren hatte die Verbreitung von Kulturpflanzen und der sie begleitenden Adventivpflanzen zur Folge. Es war nämlich nicht mehr der Mensch, der sich zu den verfügbaren Ressourcen bewegte, sondern die Ressource selbst (die Kulturpflanzen) wurden zwischen den verschiedenen Menschengruppen ausgetauscht.

     - Mit der Entwicklung der Seetransportmittel ab dem 15. Jahrhundert konnten die Europäer Amerika entdecken, erste Weltumseglungen durchführen und somit ferne Kontinente erforschen, deren Ressourcen sie ausbeuteten und deren Böden sie bestellten. Damit begann der Import vieler Pflanzen von einem Kontinent zum anderen.

    - Die Mode der Akklimatisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschleunigte die Einführung fremder Pflanzen zu Nutzzwecken und später als Zierde. Mit der Gründung der ersten Société d’acclimatation durch Geoffroy Saint-Hilaire im Second Empire hatte Frankreich innerhalb dieser Bewegung eine wichtige Rolle gespielt. Auch wenn nur einige der heutigen botanischen Gärten, vor allem in den Subtropen, Vorläufer der Akklimatisierungsgärten in den ehemaligen Kolonien waren, haben doch alle botanischen Gärten mehr oder weniger dazu beigetragen, die Anpassungsfähigkeit exotischer Pflanzen an ihr Klima zu testen.

   - Schließlich wurde der Rhythmus der Fremdeinführung durch die Globalisierung des Austauschs in den letzten 50 Jahren erheblich beschleunigt.


Wie viele exotische Pflanzen wurden oder werden eigentlich von Landwirten, Gärtnern oder der Forstwirtschaft kultiviert? Einige von ihnen „entweichen“ von ihren Feldern, aus ihren Gärten oder ihrem Waldstück, um sich schrittweise innerhalb nicht bewirtschafteten  Milieus auszubreiten.

Die ungeregelte Entsorgung von Gartenabfällen oder das Entleeren von Aquarien in der Natur können ebenfalls für die Einführung von fremden Arten in unsere Flora und deren natürliches Umfeld verantwortlich sein.

Infrastrukturmaßnahmen ziehen nach umfangreichen Erdarbeiten fast immer Renaturierung nach sich. Je nach verwendeten Pflanzen können diese Maßnahmen eine nicht vernachlässigbare Quelle für die Ansiedlung von Pflanzen sein, die in diesem Umfeld exogen sind.

Neben diese absichtlichen Ansiedlungen werden viele Pflanzenarten als Nebenerscheinung des internationalen Handels unbeabsichtigt importiert: in Fahrzeugen (Flugzeugen, Schiffen, Lkw, mit der Bahn), Containern und mit den Waren selbst (Mineralien, Erde, Saatgut, Futter, Wolle…), die hervorragende Vektoren von Diasporen* (Samen, Stecklinge* …) sind. Diese „Neuankömmlinge“ werden von den Botanikern zunächst in unmittelbarer Nachbarschaft von Häfen und Bahnhöfen gesichtet und verbreiten sich dann, zumindest einige von ihnen, in der Natur.

Weniger bekannt ist die Weiterverbreitung von Pflanzen durch bewaffnete Konflikte: Bei diesen finden fast immer umfangreiche Truppenbewegungen mit Tieren und Ausrüstungen von einem Land oder einem Kontinent zum anderen statt. Dabei gehen im jeweiligen Umfeld immer einige dort fremde Pflanzen verloren, die als polemochor* bzw. obsidional* - eingeschleppte oder Belagerungspflanzen – bezeichnet werden. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben zu diesem Phänomen in besonderer Weise beigetragen.